Das Haupt des Holofernes

Mai 1, 2021Kurzgeschichte

Das Haupt des Holofernes

Mai 1, 2021 | Kurzgeschichte

Das Gemälde ist von Lucas Cranach dem Älteren. Es heißt „Judith mit dem Haupt des Holofernes“ und entstand um 1510. Du hast mich am Arm gepackt und fortgezogen. Ich hasse Museen, hast Du gesagt, das ist was für die Scheiß-Bourgeoisie, fette nackte Weiber und Blut und Schmerzen, und alles unter dem Deckmantel der Kunst, doch ich sehe das Bild noch immer vor mir. Die Frau trägt eine perlenbestickte Haube, unter der ihr Haar in sittsamer Gefangenschaft verborgen bleibt. Ihr Gesicht ist nicht mehr jung. Zwar zeigt die Haut noch keine Falten, doch fehlt ihr auch die Frische und Zartheit der Jugend. Um ihren Hals ist ein enges schmuckbesetztes Band gelegt. Ihr Mieder ist so straff geschnürt, dass sie kaum atmen kann, und die doppelreihige Gliederkette aus massivem Gold scheint sie fast zu erdrücken. Das abgetrennte Haupt des Holofernes ruht im Schoß ihres in Rost- und Kupfertönen gehaltenen Kleides. Die beringte rechte Hand umklammert das blutige Schwert, während die linke beinahe liebkosend in den dunklen Locken des Mannes ruht. Judith hat sanft geschwungene Brauen wie die Schwingen eines kleinen Vogels. Ich kenne ihren Blick, er ist nach innen gerichtet, madonnenhaft und maliziös, und teilt sich der Welt nicht mit. Judiths Lippen sind fest aufeinander gepresst, sie geben nichts preis, ich kenne diesen Mund. Holofernes ist schön. Sein Haar voll, der Bart wild, in den Augen noch immer ein matter Glanz, die kühn geschwungenen Lippen leicht geöffnet. Holofernes stinkt aus dem Mund, er hat eine Mordsfahne. Noch triumphiert Judith, doch gleich wird ihr Gesicht sich verändern. Die Lippen werden erzittern, unmerklich erst, ein leises Beben, dann ein starkes Vibrieren, ein wildes Flattern, der Mund wird aufreißen und ein Schrei die Stille zerstören. Linien werden sich eingraben um Augen und Mund, der Alabasterteint in ein wächsernes Totenweiß wechseln. Ich weiß das alles, und doch beneide ich Judith um diesen winzigen Augenblick des Triumphes.

Das Sprechzimmer meines Psychotherapeuten hatte grün gestrichene Wände. Wir saßen uns wie bei einer Teestunde auf weichen Sofas gegenüber, die Jalousien filterten das Sonnenlicht und warfen Streifenmuster auf den Teppich. Er blätterte in meiner Akte und ich beobachtete seine Zungenspitze, die unruhig im linken Mundwinkel hin und her huschte. Nach einer Weile blickte er hoch und fixierte mich mit grauen Fischaugen. Wie ist es Ihnen ergangen in der letzten Woche? Gut, log ich. Ich hatte seit drei Nächten nicht geschlafen, trotz der Anti-Depressiva und Beruhigungsmittel, die er mir verschrieben hatte. Du siehst beschissen aus, weißt Du das? So richtig beschissen. Luis‘ Stimme. Früher hatte ich sie geliebt. Irgendwelche Nebenwirkungen? Schwindel, Übelkeit, Erbrechen? Ich schüttele den Kopf. Letzte Nacht hat Luis unser Bett vollgekotzt. Der saure Geruch war vermengt mit einem fremden Parfum.

Die Szene der Enthauptung des Holofernes war ein sehr beliebtes Thema in der abendländischen Kunst und wurde – um nur die bekanntesten Beispiele zu nennen – unter anderen von Donatello, Caravaggio, Botticelli, Lucas Cranach, Paolo Veronese, Bartolomeo Manfredi, Peter Paul Rubens und Gustav Klimt dargestellt. Lucas Cranach hat das Motiv gleich mehrmals gemalt. Seltsam. Diese morbide, ja masochistische Faszination mit der weiblichen Grausamkeit. Dabei bin ich geduldig. Ich habe die Bettwäsche abgezogen, schweigend, die Lippen fest aufeinander gepresst. Ich habe Dir die Schuhe abgestreift, während Du nach mir getreten und mich beschimpft hast, ich habe mich neben Dich gelegt, nachdem Du endlich eingeschlafen bist, und auf Dein Schnarchen gelauscht. Sie müssen an Ihrem Selbstwertgefühl arbeiten, sagt mein Psychotherapeut. Selbstvertrauen aufbauen, sich Dinge zutrauen. Ich nicke gehorsam. Schlampe, sagt Luis. Luis Körper ist noch immer schön, sein muskelbepackter nackter Oberkörper mit der dichten Brustbehaarung geht auf und nieder, während er über mir keucht und pumpt. La petite mort, sagen die Franzosen zum Orgasmus, und während Luis endlich fertig wird, sich stöhnend von mir herabwälzt und sofort weiterschnarcht, denke ich wieder an das Bild der Judith mit dem Haupt des Holofernes. Ja, der kleine und der große Tod, wie ähnlich sie einander sind. Ich bin todmüde, doch ich kann nicht schlafen.

Zwischen 1453 und 1457 schuf der Bildhauer Donatello eine Plastik aus Bronze für den Garten des Palazzo Medici in Florenz. Dargestellt ist Judith als junge Frau, gekleidet in ein langärmeliges, hochgegürtetes Gewand, der Halsausschnitt ihres Kleides wird durch eine Borte mit Rosettenmuster und zwei Genien mit einem Tondo betont. Tücher, tief in die Stirn gezogen, bedecken ihr Haar. Sie steht auf einem Kissen, auf dem der athletische, aber durch Trunkenheit erschlaffte Holofernes sitzt, gehalten nur durch Judiths festen Griff in den Haarschopf. Ihr rechter Fuß steht auf dem Geschlecht des Opfers, das linke Bein ist vorgestemmt, den Kopf des Mannes auf dem Oberschenkel für einen zweiten, tödlichen Hieb zurechtgelegt. Der erste Hieb hatte bereits eine klaffende Wunde am Hals verursacht. In krassem Gegensatz zu Judiths eher zarter Gestalt steht der trunkene Holofernes. Er ist nur mit einem Lendentuch bekleidet, sein muskelbepackter, nackter Körper, die wilde Haarmähne und der wuchernde Bartwuchs strahlen Gewalttätigkeit und Brutalität aus. Um den Hals trägt er ein Medaillon, es ist ihm auf den Rücken gerutscht. Es zeigt ein sich aufbäumendes Pferd, ein der damaligen Zeit vertrautes Symbol der Superbia, des Hochmutes.

Wie steht es um Ihre Beziehung? Haben Sie Eheprobleme? Jeder hat mal Probleme, sage ich den Fischaugen. Was geht ihn das alles an? Ich will nur schlafen. Kalt glotzt er zurück. Lieben Sie Ihren Mann? Ja, ich liebe Luis. Und ich hasse Luis. Vielleicht ist das ja das Problem. Ich klebe an Luis wie die Grasmücke an der Leimrute. Der Psychologe schweigt jetzt. Er hat sich einige Notizen gemacht und schaut mich unverwandt an. Er hat ein wenig Wärme in seinen Blick gelegt. Das hat er an der Uni gelernt. Er will jetzt meine Geschichte hören. Dann wird er sie fein säuberlich zerlegen und in Schubladen stecken. Diagnose nennt man das. Die Diagnose heißt amour fou. Die Franzosen haben das Wesen der Liebe verstanden. Seelenklempner. Rennst Du wieder zu deinem Seelenklempner. Luis Blick. Wie er mich verachtet. Wie sicher er meiner ist. Superbia. Sein Kopf in meinem Schoß.

Luis war Barkeeper im Bebidas. Er war älter als wir, und er hatte diese Coolness, die wir alle wollten, die aber bei uns nur Attitude blieb. Luis scherte sich wirklich um nichts, und während wir brav unsere Seminare und Vorlesungen besuchten und ab und an im Bebidas einen über den Durst tranken, stand Luis da hinterm Tresen mit der Zigarette im Mundwinkel und sah mich an, ganz kurz nur. Coup de foudre, wieder so ein französisches Wort. Ich wartete wie ein Hündchen, bis er die letzten Gläser gespült hatte, dann streifte er eine alte Lederjacke über, legte den Arm um meine Schultern und dirigierte mich durch die leeren Straßen. Ein leichter Nieselregen fiel, der Himmel über den Häuserblöcken war ein verwischtes Hellgrau, und ab und zu sah ich Luis‘ Halbprofil im Scheinwerferlicht eines entgegenkommenden Autos. Diese wilde Freude. In dieser Nacht nahm Luis mich in Besitz, ganz und gar. Nie war ich so glücklich gewesen. Luis schlug mich das erste Mal zwei Wochen nach unserer Hochzeit. Immer denke ich an diese erste Nacht. Wie glücklich wir waren.

Der Barockkomponist Alessandro Scarlatti gestaltete den Stoff zweimal als Oratorium (La Giudita) in seiner römischen Zeit, als dort gemäß päpstlichem Erlass Opern verboten waren. Antonio Vivaldi vertonte den Stoff in lateinischer Sprache zu seinem Oratorium Juditha triumphans. Auch Wolfgang Amadeus Mozart verarbeitete das Thema in La Betulia Liberata. Es war ein Auftragswerk für Don Giuseppe Ximena von Padua und sollte zur Fastenzeit uraufgeführt werden. Warum es nie dazu kam, darüber kann heute nur spekuliert werden. War es am Ende doch in seiner Grausamkeit unerträglich für die feine Gesellschaft von Padua? Der Psychologe schaut auf die Uhr. Die Sitzung ist um. Bis nächste Woche, sagt er. Alles Gute.

Ich habe kein Schwert. Vielleicht reicht ja ein scharfes Messer. Luis wird spät nach Hause kommen. Ihr Geruch wird an ihm kleben. Luis wartet. Auf den richtigen Zeitpunkt. Er wird mich verlassen. Ich warte auch. Luis gehört mir. Bis dass der Tod uns scheidet.

Über die Autorin

Frauke Buchholz wurde 1960 in der Nähe von Düsseldorf geboren. Sie studierte Anglistik und Romanistik und promovierte über zeitgenössische indianische Literatur. 

Sie liebt das Reisen und fremde Kulturen und hat einige Zeit in einem Cree-Reservat in Kanada verbracht. Heute lebt sie in Aachen und schreibt Romane und Kurzgeschichten, die in zahlreichen Anthologien erschienen sind. Ihre Geschichte „Barfly“ wurde 2020 mit dem 1. Preis der Gruppe 48 ausgezeichnet.

Frauke Buchholz

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